Helferkreis Asyl Erdweg
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Flüchtlingsportäts

Die Flucht war eine kleine Chance, mit dem Leben davonzukommen“

 

Ahmeds* Weg von Syrien nach Deutschland

 

Über einen Monat war Ahmed auf der Flucht, bis er in München angekommen ist. Mitte Oktober 2014 hatte er sein Haus in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus verlassen. Seine Frau und die drei Kinder konnte er nicht mitnehmen, die Flucht wäre für die Familie zu gefährlich gewesen, zudem reichte das Geld für die Bezahlung der Schlepper nur für eine Person. Ahmeds Weg führte ihn über die Türkei, Algerien, Tunesien, Libyen und über das Mittelmeer nach Italien. „Am gefährlichsten war der Weg durch Syrien bis zur türkischen Grenze. Und die Fahrt über das Meer war ein Glücksspiel. Wir waren 350 Personen, schon bald griff uns ein italienisches Militärschiff auf. Mehrere Tage fuhren wir schließlich umher und es wurden immer mehr Flüchtlinge von anderen Schiffen aufgenommen. Wir saßen dicht an dicht auf Kartons unter Deck ohne Tageslicht. Die Handys wurden uns abgenommen, damit wir keine Fotos machen konnten. Irgendwann wurden wir endlich an Land gebracht.“ In Italien stieg er in einen Zug nach München. Nach drei Wochen in der Erstaufnahmeeinrichtung kam er Mitte Dezember nach Erdweg, wo er nun mit 25 weiteren Asylbewerbern in einem der Container lebt.

 

Das Wohnhaus in einem Vorort von Damaskus musste seine Familie schon lange verlassen. „Fast keiner lebt mehr in diesem Viertel. Rebellen und Regierungstruppen kämpfen dort gegeneinander, ein sicheres Leben ist nicht mehr möglich. Aus jedem Haus ist ein Bewohner tot oder vermisst.“ Auch Ahmeds Bruder ist seit Monaten verschollen. In dem Krankenhaus in Damaskus, in dem Ahmed als Laborant gearbeitet hat, verübt das Regime Verbrechen. „Es ist von einem Ort, an dem Leben gerettet wird, zu einer Folter- und Tötungsanstalt geworden.“ Den Entschluss, das Land zu verlassen, hatte Ahmed bereits über ein Jahr vor seiner Flucht gefasst, nachdem ihn das Militär zwangsrekrutiert hatte. „Entweder du bleibst in Syrien und stirbst oder du gehst weg. Dann hast du wenigstens eine kleine Chance, davonzukommen“, dachte er sich. Seine Frau und die Kinder leben nun in einem kleinen syrischen Dorf, in dem es derzeit keine Kämpfe gibt. Da ein Ende des Bürgerkriegs noch nicht absehbar ist, wünscht sich Ahmed, seine Familie nach Deutschland zu holen, um sie in Sicherheit zu wissen. Hier fühlt er sich sehr willkommen. Er könnte sich gut vorstellen, seinen Beruf auszuüben. „Auch meine Frau arbeitet im Gesundheitswesen. Fachkräfte werden in Deutschland ja gesucht.“ Trotz allem bleibt Syrien sein Heimatland. Er hofft, dass sich die Lage irgendwann beruhigen wird. Dann möchte er zurückkehren und ein neues Leben anfangen.  

 

(* Name geändert. Der Bericht basiert auf einem Gespräch, das wir im Januar 2015 mit Ahmed geführt haben. Ein Jahr nach Ahmends Ankunft sind auch seine Frau und die Kinder über den Familiennachzug nach Deutschland gekommen.)

Unter einem Dach: Daniela (li.) und Günther Obert (re.) mit ihren neuen Untermietern aus Syrien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erdweg, im Januar 2017

 

„Wir sind entwurzelt, aber dankbar“

 

Wie es einem syrischen Flüchtlingsehepaar nach über zwei Jahren in Erdweg geht.

 

Seit mittlerweile einem halben Jahr lebt ein syrisches Ehepaar bei Familie Obert in Erdweg. Günther und Daniela Obert, die sich im Helferkreis Asyl engagieren, haben die Wohnung von Günthers verstorbener Mutter an die beiden vermietet. „Wenn ich irgendwann nicht mehr lebe, dürft ihr auch Flüchtlinge einziehen lassen. Ich war selber einmal Flüchtling!“, hat Frau Obert einmal zu ihrer Schwiegertochter gesagt. An diese Worte hat sich die Familie erinnert und beschlossen, dem syrischen Ehepaar eine neue Bleibe zu bieten.

 

Amir und Aida* stammen aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Afrin, einer Stadt im autonomen Kurdengebiet im Norden Syriens. Als der Krieg ins dritte Jahr ging, beschloss Amir, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Es war seine einzige Chance, dem Dienst an der Waffe zu entkommen. Wäre er in Syrien geblieben, hätte er sicher kämpfen müssen – auf welcher Seite auch immer: auf Seite der Kurden, des IS, der Al-Nusra-Front oder der Rebellen. Nur vom Militärdienst des Regimes war er befreit aufgrund einer Verletzung am Fuß. Es war für Amir ausgeschlossen, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Also musste er Syrien verlassen. Ziel sollte ein Land sein, das ihm die Möglichkeit bot, später seine Frau nachzuholen. Amir ging zunächst in die Türkei, wo er ein kleines Motorboot bestieg, das ihn nach Griechenland bringen sollte. Im Boot, das für sieben Personen ausgelegt war, saßen 25 Leute. Auf halber Strecke wickelte sich das Seil des Ankers um die Schiffsschraube und das Boot drohte zu kentern. Es gelang einem Mann jedoch, das Seil zu entfernen – die Überfahrt glückte. In Griechenland bezahlte Amir einen weiteren Schlepper: 3.000 Euro. Für diese Summe nahm ihn ein Lkw mit nach Italien. Eingepfercht hinter Obst- und Gemüsekisten wurden im Laster 19 Flüchtlinge transportiert. Bei zwei Grenzkontrollen mussten sich die Flüchtlinge ruhig verhalten, hermetisch abgeschirmt zwischen Warenladung und Führerhaus. Zum Atmen blieb kaum Luft. „Das waren zweimal 15 Minuten, die ich nie vergessen werde. Ich dachte: Jetzt stirbst du.“ In Italien angekommen beschloss er, nach Deutschland zu gehen. Mit dem Zug fuhr er über die Alpen und kam im November 2014 am Münchner Hauptbahnhof an. Der Empfang durch die Polizei war sehr freundlich. „Ich fühlte mich gleich gut behandelt, alle waren sehr hilfsbereit.“ Bis seine Frau Aida mit einem Visum aus Syrien nachkommen konnte, dauerte es noch 16 Monate.

Zweieinhalb Jahre sind nun vergangen, seit Amir Syrien verlassen hat. Aleppo, die zweitgrößte Stadt des Landes in der Nähe von Amirs Heimatdorf, ist zerstört, fünf Millionen Syrer haben das Land seit Beginn des Krieges verlassen. Seine Eltern und ein Bruder leben noch in Syrien, die anderen Geschwister sind wie er gegangen. Die Familie ist in alle Winde verstreut – im Libanon, in der Türkei und in Deutschland. Ähnlich ist es mit Aidas Familie.

 

Ob sie sich vorstellen können, einmal nach Syrien zurückzukehren? Amir ist skeptisch. Zwar ist Syrien seine Heimat, aber der Krieg habe die Menschen verändert, die Gesellschaft sei zersplittert. Und die Fronten in den Köpfen werden seiner Meinung nach nicht verschwinden, sobald die Waffen schweigen. Der Krieg habe zu viele Gräben hinterlassen und Frieden werde lange nicht möglich sein. Aida vermisst ihre Familie, aber wenn Amir nicht zurückgehen möchte, werde sie es akzeptieren.

Was finden Aida und Amir bemerkenswert an Deutschland? „Die Deutschen sind sehr freundlich. Sogar auf den Behörden! Wenn ich in Syrien einen neuen Ausweis brauche, muss ich viermal hinfahren und wenn ich Glück habe, bekomme ich dann einen Ausweis. In Deutschland gehe ich einmal hin und es ist erledigt. Und die Menschen, die dort arbeiten, lächeln einen sogar an!“, freut sich Amir. Er hat bereits viele Deutschkurse besucht und eine feste Arbeitsstelle bei Dachau gefunden. Dass er und seine Frau nun auch eine Wohnung haben und aus der Containerunterkunft ausziehen konnten, weiß er zu schätzen. „Wir fühlen uns hier sehr wohl. Ich lebe gern auf dem Land, ich komme ja selber aus einem kleinen Dorf. Hier hilft man sich gegenseitig. Und ich kann spazieren gehen, mich frei bewegen. Das alles macht mich sehr glücklich.“ Wenn nur nicht das Heimweh wäre, das vor allem Aida nicht verbergen kann. „Wir sind entwurzelt. Aber wir haben keine Wahl“, sagt sie.

Mit den neuen Mietern sind die Oberts sehr zufrieden, es gibt keinerlei Probleme. Amir kümmert sich freiwillig um den gemeinsamen Garten und packt mit an, wo immer Hilfe gebraucht wird. „Meine Schwiegermutter würde sich bestimmt freuen, wenn sie wüsste, wer jetzt in ihrer Wohnung lebt“, sagt Daniela Obert.

 

(* Namen geändert.)

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